Sonntag, 19. Juni 2011

Lost in Transit...

... oder wie man sich 35.5 Stunden Verspätung beim Fliegen einhandelt: Manchmal ist der Wurm dermassen drin, dass man sich einen Pausenknopf wünscht. Bloss gibt es im Real Life keinen solchen.

Am Mittwoch Abend bestieg ich in Zürich den Flieger nach Hong Kong, mit Endbestimmung Taipeh. Dorthin war ich für die Lancierung einer neuen Fahrrad-Marke eingeladen worden - und da sag ich nicht nein. Es ging schon mal gut los: Kleinkinder links, rechts und hinter mir in der voll besetzten Economy-Klasse, dazu ein massiger Chinese neben mir, der auch noch ein Viertel meines Sitzes in Beschlag zu nehmen trachtete. Dazu war noch ein Passagier nicht am Gate erschienen und sein Koffer musste wieder ausgeladen werden. Prompt war das Teil nicht im erwarteten Behälter, was den Start bis kurz vor Mitternacht verzögerte.

Mit deftig Verspätung ging es endlich los - doch das sollte erst der Anfang einer wahren Odyssee sein. Denn nach Taiwan können EU-Bürger nur dann ohne Visum reisen, wenn der Pass noch mindestens 6 Monate lang gültig ist. Meiner muss am 2. November verlängert werden - das macht viereinhalb Monate, bis er abläuft.

Darum weigerte sich die Angestellte von EVA Airlines in Hong Kong auch, mich einzuchecken - womit sie im Recht war. Also musste ich veranlassen, dass mein schon bis Taipeh eingecheckter Koffer wieder ausgeladen wurde - und auf den Anschluss-Flug nach Taipeh verzichten. Eigentlich wären bloss 3 Stunden zum Umsteigen vorgesehen gewesen in Hong Kong.


Nach Hong Kong Island - wider Willen
Statt dessen nahm ich die Schnellbahn nach Hong Kong Island, checkte dort im Hotel Central Park ein (wo ich sogar einen kostenlosen Upgrade in die Executive-Class bekam) und erkundete noch kurz zu Fuss einen kleinen Teil der einstigen britischen Kronkolonie. Dort war nach 23 Uhr erstaunlicherweise voll tote Hose - dafür war es einfach nur unerträglich feucht und heiss.

Schwitzen im Stehen, kaum zum Aushalten. Ein Hong Konger hat mir später erklärt, dass das in Sachen Nightlife in etwa der langweiligste Teil der Stadt sei. Mir ging es aber eher um die Nähe zur Metro-Station Admiralty. Denn dort steht das Lippo-Center, ein eindrücklicher Zwillingsturm. Und in Turm 1, im 40. Stock, ist neben einem Reisebüro auch das Konsulat von Taiwan in Hong Kong untergebracht.

5 Minuten vor Öffnung des Konsulats (um 9 Uhr) stand ich am kommenden Morgen vor dem Konsulat, und tatsächlich ging die Türe etwas früher auf. Also schnell eine Nummer gezogen, das nötige Formular ausgefüllt und kurz gewartet, ehe ich als Dritter an der Reihe war. Und zu hören bekam, dass ich neben zwei Farb-Passphotos mit WEISSEM Hintergrund (ich hatte nur welche mit grauem Hintergrund, wie das die EU für den Pass verlangt) auch noch einen Ausdruck der Einladung zum Presse-Event in Taipeh liefern müsse.

Zum Glück stand ein Passphoto-Automat im vierten Stock des Lippo-Centers, und im Erdgeschoss ist ein Copy-Shop untergebracht. Also konnte ich innert 30 Minuten die fehlenden Dinge nach- und ein Eil-Gesuch um ein 14-Tage-Visum einreichen.


Ab zum zweiten Versuch!
Dann hiess es, die Zeit totzuschlagen bis 16 Uhr - denn dann konnte ich den Pass mit dem Visum wieder abholen. Die folgenden Stunden verbrachte ich ausschliesslich in klimatisierten Nobel-Malls und dergleichen, während es draussen wie aus Kübeln schüttetete, aber dennoch nicht abkühlen wollte. Kaum hatte ich die 600 HK$ fürs Visum hingeblättert und den Pass wieder in den Fingern, machte ich mich auf den Rückweg zum Flughafen.

Der Flug nach Taipeh von 19:25 Uhr war schon ausgebucht, aber das Reisebüro Globetrotter buchte mir statt dessen einen Platz für den Flieger um 21 Uhr - am Freitag Abend. Tatsächlich konnte ich einchecken, die Sache schien wieder eingerenkt, und ich benachrichtigte meine Kontakte in Taipeh über den neuen Reiseplan und die neue Ankunftszeit.

Aber kaum dass dies erledigt war, wurde ich zurück gepfiffen: Die Buchung von Globetrotter war nicht korrekt und damit nichtig, mein Ticket konnte ich wieder abliefern. Danke auch an die Filiale Zug, zumal man mich in Sachen Information lange hingehalten hatte. Am Ende meiner Geduld, Nerven und Kräfte, machte ich mich auf die Suche nach meinem Koffer - ich hätte in dem Moment locker Amok laufen können, aber der Anblick chinesischer Uniformierter hielt meine Wut dann doch im sublimierten Bereich.

Immerhin folgte nun ein kleiner Trost: Zwischen den beiden Terminals des Flughafens Hong Kong gibt's die "Plaza Premium Lounge". Dort konnte ich nach einem kleinen Abendessen drei Stunden online arbeiten, einige Bierbüchsen killen und mich danach in ein kleines, aber zweckmässiges und bezahlbares Zimmer zurück ziehen, um einige Stunden zu schlafen.


Aller guten Dinge sind Drei
Neu war ich nun in den Flug vom Samstag Morgen um 9:50 Uhr eingebucht. Und ob man's glaubt oder nicht: Diesmal klappte das Einchecken, und das Reisebüro Globetrotter kam mir immerhin insofern entgegen, dass die Mehrkosten fürs Umbuchen mir ausnahmsweise erst per Einzahlungsschein in Rechnung gestellt werden - da spielte wohl auch ein bisschen das schlechte Gewissen mit.

Denn durch die 36 Stunden Aufenthalt, zwei Übernachtungen und das Visum waren Mehrausgaben entstanden, welche meine EC-Karte (eine Kreditkarte hab ich nicht) an die Bezugslimite brachten. Also musste ich am Freitag Abend noch kurz der BeKB anrufen, um auch dieses Problem aus dem Weg zu räumen. Was ganz einfach und unbürokratisch ging, ein Dank an die Filiale Bern-Breitenrain, ganz ohne Ironie.

Mit zehn Minuten Verspätung hob um 10 Uhr morgens eine Boeing 747 der EVA Airlines in Hong Kong ab - selten hat sich ein Start so gut angefühlt. In Taipeh angekommen und durch die Immigrations-Kontrolle gekommen, entdeckte ich gegen zwölf Uhr in der Ankunftshalle einen Herrn mit einem Schil, auf dem mein Name stand. Also ihm nach, und Momente später stieg ich in Taipeh in eine schwarze S-Klasse-Limousine mit abgedunkelten Scheiben hinten, natürlich hinten rechts. Und wurde direkt zu der alten Papierfabrik am Stadtrand von Taipeh chauffriert, wo Josh Hon und sein Team die neue Faltrad-Marke "Tern" mit einer veritablen Modeschau offiziell lancierten.

Und sieh an: Ich war der erste Journalist vor Ort und noch zu früh! Alle anderen blieben nämlich in einem stickigen Kleinbus im Stau von Taipeh stecken, so dass der Brand Launch mit 40 Minuten Verspätung begann. Was aber nichts war verglichen mit den 35.5 Stunden, die ich mir eingehandelt hatte. Wie sagen doch die Italiener? Lei ultimi seranni primi - die Letzten werden die Ersten sein!

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